Ev. Luth. Kirchgemeinde
     Berthelsdorf-Strahwalde und Herrnhut

7. Dorfabend in der Pfarrscheune Berthelsdorf

Am 8. September 2011 fand in der Pfarrscheune ein Dorfabend statt zum Thema: "Neues bricht auf in Berthelsdorf - das Leben im Ort zur Zinzendorfzeit". Das Thema versprach interessante Neuigkeiten und so waren die Sitzplätze in der Scheune gut gefüllt. Schüler des Herrnhuter Zinzendorfgymnasiums stellten die Ergebnisse ihrer Projektarbeit aus dem vergangenen zehnten Schuljahr vor. Herr Taesler vom Freundeskreis Zinzendorfschloss Berthelsdorf eV. hatte diese Projektwoche im Mai in Zusammenarbeit mit dem mit dem Zinzendorfgymnasium vorbereitet. Die Schüler waren drei Tage im Zinzendorfschloss. Sie wurden durch Herrn Taesler mit den Örtlichkeiten (Kirche und Schloss) und ihrer Geschichte vertraut sowie in das soziale Leben dieser Epoche eingeführt. Dr. Kröger vom Unitätsarchiv stellte historisches Quellenmaterial zur Verfügung. Für die Schüler war dies das erste Mal, dass sie mit Originaltexten in Berührung kamen. Dabei war der Duktus der damaligen Sprache sicher nur die kleinste "Last" bei der Übertragung und Wertung der Ergebnisse für ein angemessenes Verständnis in der heutige Zeit. Es waren analytischer Verstand, Sachkenntnis und Abstraktionsvermögen gefragt. Dabei gingen sie methodisch so vor, dass verschiedene Bereiche untersucht wurden, um ein Bild der damaligen Zeit und von den durch Zinzendorf bewirkten und in Gang gebrachten Veränderungen im Gemeindeleben zu zeichnen. Die Schüler fertigten zu den jeweiligen Themenfeldern Poster an, welche die Ergebnisse der Recherchen in Wort und Bild darstellen. Dies betraf sowohl die wirtschaftlich-sozialen Verhältnisse als auch die geistlichen Strömungen jener Zeit.
Der Graf entwickelte durch die Erziehung bei seiner Großmutter und seine Ausbildung im Pädagogium in Halle bei August Herrmann Francke eine von tiefer Frömmigkeit und vom Pietismus geprägte Denk- und Handlungsweise, auf die ebenso die Ansichten und Auffassungen Philipp Jacob Speners großen Einfluss hatten. In diesem Sinne versuchte Ludwig von Zinzendorf zu wirken. Über die geistlichen Strömungen des 18. Jahrhunderts, die Lutherische Orthodoxie und den Pietismus, die den Grafen prägten, referierte Pfarrer Wieckowski.
In drei Gruppen behandelten nun die Schüler dabei thematisch geordnet die Verhältnisse im Dorf, die geistlichen Einflüsse und Strömungen sowie die durch Zinzendorf bewirkten Veränderungen. Einführend wurden die Verhältnisse im Dorf sowie die Folgen der Erbuntertänigkeit dargestellt. Wie ein Gesindespeiseplan zeigte, ging es nicht üppig zu bei der Ernährung. Fleisch spielt so gut wie keine und Kartoffeln noch keine Rolle. Dafür gab es früh, mittags und abends Suppe und Mehlbrei, mittags noch Graupen und den anderen Tag Grütze und wieder so fort. Die Kost war also nicht unbedingt abwechslungsreich zu nennen. Gearbeitet werden musste in der Regel von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, was im Jahresverlauf einen Zwölfstundentag ergab. Das Joch, welches Bauern, Gärtner, Häusler und Tagelöhner zu tragen hatten, war nicht leicht.
Zinzendorf versuchte nun im Rahmen seiner Möglichkeiten das Los seiner Untertanen zu erleichtern. Für die mährischen Glaubensflüchtlinge gründete er auf seinen Berthelsdorfer Besitzungen, welche ursprünglich bis an die Ruppersdorfer Grenze reichten, die Siedlung Herrnhut. Sie sollte zu einer Mustersiedlung werden. Ihre Bewohner waren von Erbuntertänigkeit befreit und mussten nur moderate Abgaben leisten. In kirchlicher Hinsicht versuchte er seine Vorstellung mit der Gründung der Erneuerten Brüderunität, der Herrnhuter Brüdergemeine, umzusetzen. Diese Bestrebungen waren der herrschenden Lutherischen Landeskirche ein Dorn im Auge und Zinzendorf musste wegen Sektierertum das Land verlassen. Aber die Brüdergemeine wuchs weiter und fand später doch die Duldung der Landeskirche, so dass Zinzendorf zurückkehren konnte. In den Akten des Berthelsdorfer Pfarramts existiert noch ein von Zinzendorf entworfener Sitzplan für die Kirche, nach dem Männer, Frauen und Kinder getrennt und nach dem Stand geordnet ihre Plätze zu beziehen hatten.
Es waren Nachrichten aus einer fernen Zeit, die hier in der Berthelsdorfer Pfarrscheune von den Schülern zu Gehör gebracht wurden und es war gleichermaßen ein Gewinn für die Zuhörer als auch die Vortragenden, die sich in freier Rede üben konnten und denen man für ihre Arbeit anerkennenden Applaus spendierte.

Matthias Pfeifer


 
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